Beschluss der LAG Wirtschaftspolitik Bremen - Bremen im Aufbruch
Die LAG Wirtschaftspolitik spricht sich dafür aus, dem Leitbild Bremen im Aufbruch mit seinen Elementen Talente, Technologie und Toleranz im Programm zur Bürgerschaft 2007 einen prominenten Stellenwert einzuräumen...
Ohne grüne Zielvorstellung werden wir die ängstliche Starre nicht aufbrechen können, die Bremen und Bremerhaven erfasst hat, seit es nicht mehr zu übersehen ist, dass die Sanierungspolitik der Großen Koalition weder die Wirtschaftskraft nachhaltig stärkte, noch den Abbau von sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen stoppte, dafür aber um so größere Schuldenberge hinterließ. Statt uns an die Verteidigung des Status Quo zu klammern, können wir mit dem Dreiklang Talente, Technologie und Toleranz dem unausweichlichen Umbau der beiden Stadtgesellschaften eine grünen Richtung geben und in ihm neue Handlungsspielräume jenseits der Haushaltsnotlage entdecken.
Das Konzept 'Talente, Technologie, Toleranz' geht auf den US-amerikanischen Wirtschaftssoziologen Richard Florida zurück, der empirisch untersucht hat, welche Gemeinsamkeiten Regionen aufweisen, die im Übergang zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft wirtschaftlich erfolgreich sind: Alle erfolgreichen Regionen sind stark technologieorientiert. Das Bildungsniveau ist überdurchschnittlich - und zwar über alle Schichten hinweg. Zugleich sind die formellen und informellen Zugangsbarrieren zu guten Jobs, lukrativen Märkten und hochrangigen Positionen für alle Talente niedrig, ungeachtet ihrer Herkunft, ihres Geldbeutels, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung. Und schließlich herrscht eine tolerante Stimmung gegenüber Differenzen, gegenüber abweichenden Lebensstilen wie gegenüber neuen Verfahren.
Das Leitbild Bremen im Aufbruch zielt darauf ab, das kreative Potenzial der beiden Städte auszuschöpfen und zugleich all jene ins Land zu locken, die etwas ausprobieren,gewissermaßen etwas "unternehmen" wollen. Echte Zugangschancen, Teilhabegerechtigkeit, die Förderung des regionalen Wissensaustausches und die Pflege kreativer Milieus sind im Übergang zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft knallharte Standortfaktoren.
Mit seinen drei Elementen Talente Technologie Toleranz impliziert das Leitbild Bremen im Aufbruch eine integrierte Wirtschaftspolitik, die sich nicht auf unmittelbare Wirtschaftsförderung beschränkt, sondern mit der Bildungspolitik und den Fragen des städtischen, kulturellen und sozialen Umfelds verwoben ist. Bremen im Aufbruch knüpft an viele Ideen und Ansätze an, die wir Grünen seit langem verfolgen:
Vorrang der Bildungspolitik statt Verschwendung von Talenten
Weniger Schulabbrecher, mehr Ausbildungsplätze, mehr Abiturientinnen und Abiturienten, mehr Studienabschlüsse - die Steigerung des Bildungsniveaus muss ganz Bremen erfassen.
Chancengleichheit beginnt im Kindergarten und in der Grundschule. Weiterbildung darf gerade im Alter und bei Arbeitslosigkeit nicht enden. Unabdingbar für die Zukunft ist es aber, nicht nur gut auszubilden, sondern auch möglichst viele der gut Qualifizierten in Bremen zu halten.
Wettbewerb um die besten Ideen statt verkrustete Wirtschaftsstrukturen
Die kleinsten, kleinen und mittleren Unternehmen schaffen die meisten Arbeitsplätze und können am schnellsten auf neue Märkte reagieren. Damit die KMUs besser bestehen können, müssen die Marktzugangschancen verbessert werden und die Wirtschaftsförderung auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet werden. Die Bremer Wirtschaftsstruktur wird noch immer durch Großbetriebe dominiert. Neben der Förderung von Existenzgründungen gilt es, durch eine aktive Wirtschaftsförderung die Zahl der Insolvenzen zu mindern.
Technologieförderung statt immer neuer Investitionsruinen
Mit seinen Hochschulen, Universitäten und Forschungseinrichtungen stellt die öffentliche Hand in Bremen eine hervorragende wissenschaftliche und technologische Infrastruktur bereit. Mehr denn je kommt es zukünftig darauf an, den Technologie- und Wissenstransfer in Richtung der Bremer Unternehmen zu intensivieren, damit sich das öffentliche Engagement auch in gesteigerter Wirtschaftskraft, mehr Patentmeldungen und Ausgründungen sowie einer höheren AkademikerInnenquote niederschlägt. Notwendig ist es, an den durchaus vorhandenen Stärken des Technologiestandortes Bremen anzuknüpfen und unternehmerischen Erfindergeist durch Open-calls und Wagniskapital zu fördern.
Migrantisches Unternehmertum statt abgeschotteter Märkte
Ihre wirtschaftliche Bedeutung ist kaum mehr zu übersehen: Bis zu 3.000 Unternehmerinnen und Unternehmer mit Migrationshintergrund tragen inzwischen zur Stärkung der Bremer Wirtschaftskraft bei. Angesichts ihrer Einsatzbereitschaft und Risikofreude ist das wirtschaftliche Potenzial aber noch längst nicht ausgeschöpft – nicht zuletzt bei den gut qualifizierten russischsprachigen MigrantInnen. Wenn der Aufbruch gelingen soll, dürfen Bremen und Bremerhaven auf dieses Potenzial nicht verzichten und müssen Zugangsbarrieren zur Wirtschaftsförderung und zu lukrativen Märkten abbauen. In gleicher Weise muss Bremen die vielen persönlichen Kontakte der Bremer MigrantInnen nutzen, ausländische GründerInnen und Investoren nach Bremen zu locken.
Kreative Milieus statt Gewerbeflächendogmatismus
Eine Stadt im Aufbruch braucht urbane und lebendige Räume statt erstarrter Strukturen. Die Kraft, die von kreativen Milieus ausgeht, erleben wir im Ostertorviertel wie rund um die Speicher 1 und 11 in der Überseestadt, aber auch in Tenever. Statt immer neue Gewerbeflächen mit Autobahnanschluss auf der grünen Wiese auszuweisen, sind die alten Brachflächen vom BWK-Gelände über die Überseestadt bis zum Güterbahnhofsgelände durch eine kleinteilige Vermarktung und Freiräume für unternehmerische, soziale und kulturelle Experimente mit neuem Leben zu füllen. Gerade die Überseestadt und das angrenzende Stephaniequartier bieten beste Voraussetzungen, Wohnen, Arbeiten und Leben in attraktiven Quartieren zusammenzuführen.
Eigene Chefin statt "gläserne Decke"
Selbst die traditionellen Wirtschaftsforschungsinstitute haben es inzwischen erkannt: Die unternehmerischen Aktivitäten von Frauen sind ein wichtiger ökonomischer Faktor. Und die Integration von Frauen ins Wirtschaftsleben entscheidet maßgeblich über den ökonomischen Erfolg eines Landes und damit auch über Bremen und Bremerhaven. Deutschland leistet sich leider immer noch eine geringere Frauenerwerbsquote als etwa Skandinavien. Zudem arbeiten Frauen viel stärker in Teilzeit und prekären Beschäftigungsverhältnissen mit gringen Aufstiegsmöglichkeiten. Bislang geht in Bremen nur jede dritte Gründung von Frauen aus.
Unternehmerische Selbstständigkeit bietet die Chance zu mehr ökonomischer Gerechtigkeit, sofern auch der Zugang zu Qualifizierung, Kapital und lukrativen Märkten erleichtert wird. Auch TeilzeitgründerInnen dürfen von den Fördermaßnahmen nicht länger ausgeschlossen sein.
Ausbau des Dienstleistungssektors statt Wehklagen über den Beschäftigungsabbau
Gerade die Entwicklung des Dienstleistungssektors braucht Kreativität. Chancen bestehen sowohl im Bereich der personennahen als auch bei den unternehmensnahen Dienstleistungen, dem Sektor mit dem höchsten Zuwachs an Arbeitskräften in den vergangenen zehn Jahren. Durch den demographischen Wandel und die ökologischen Herausforderungen wird der Mangel an Pflege, Service, Bildung, Erziehung und ressourcensparenden Dienstleistungen und Produkten immer offensichtlicher. Kreative Dienstleister, Handwerkerinnen und FreiberuflerInnen stehen vor der Herausforderung, neue Produkte und Dienstleistungen, neue Absatzwege, neue Verfahren und neue Märkte für die älter und bunter werdende Gesellschaft und die ökologischen Aufgaben zu entwickeln.
Der Grüne Aufbruch muss die gesamte Gesellschaft einbeziehen und darf sich keinesfalls auf technologische und gesellschaftliche Nischen beschränken, wenn er mitreißen will. Um sein Talent zu beweisen, ist kein Hochschulabschluss erforderlich. Zur erfinderischen Stadt gehört die Existenzgründerin, die eine spezielle Dienstleistung anbietet, wie der Erzieher, der andere pädagogische Wege geht, oder das Non-Profit-Projekt für die Nachbarschaft. Das Leitbild Bremen im Aufbruch bezieht sich auf das gesamte Spektrum differenter Lebensweisen, denn die Differenz ist Voraussetzung für die Erfindung von neuem; und technologische Innovationen finden nicht nur in High-Tech-Branchen statt.
Kreativität muss wachsen. Der Grüne Aufbruch kann und will sich nicht gegen die bestehenden Betriebe und Einrichtungen entwickeln, sondern braucht vielmehr ihre Ressourcen und kreativen Kräfte und muss an den Stärken der beiden Städte Bremen und Bremerhaven anknüpfen. Aber bloße Bestandswahrung und Selbstgenügsamkeit behindern Kreativität.
Kreative Milieus kann die Politik weder verordnen noch einrichten, sondern höchstens anreizen. Kreativität entsteht in Freiräumen, möglicherweise auch durch gezielte Unterlassungen. Angesichts der bitteren Haushaltsnotlage ergeben sich daraus aber auch neue Chancen gerade für die Wirtschafts- und Strukturpolitik.
Das Leitbild Bremen im Aufbruch skizziert, wie Bremen und Bremerhaven sich einen zukunftsfesten Platz in der sich herausbildenden Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft sichern können. In manchen Bereichen können die beiden Städte Vorreiter sein, in anderen gilt es, den Anschluss zu halten. Nur mit einer handfesten Perspektive, die gleichermaßen aussichtsreich wie realistisch ist, werden die Bremerinnen und Bremer den nötigen Mut aufbringen, die überkommenen Strukturen hinter sich zu lassen.